Ausgabe 02/2009

März + April 2009

Afghanistan...

 

 

Foto: Brigitte Buser www.gartenfreunde.ch

 

Rosen aus der Provinz Nangarhar

 

Wenn du ein Geheimnis hast, nimm es, trag es zum Hindukusch und leg es unter einen Stein.

 

Afghanistan ist in den Medien, fast täglich und in fast allen. Würde über alle Zwischenfälle im Land geschrieben und Bilder gezeigt, das Land am Hindukusch wäre „der Dauerbrenner“.

 

Abseits dieser Berichterstattung beschäftigt sich kaum jemand mit der Lage der Bevölkerung, den Kindern und Alten, die seit Jahrzehnten unter Krieg, Bürgerkrieg und Auseinandersetzungen so genannter Kriegsherren – „War Lords“ – leiden, man könnte auch schreiben mit oder in der Armut.

 

 

 

General Dostum

Foto: Luke Powell

Unzählige Konferenzen der beteiligten Länder und Resolutionen der Vereinten Nationen haben bisher wenig verändert. Aber es muss auch anders gehen. Denn nicht ewig stehen ausländische Truppen im Land. Und daher sind die kleinen Schritte gefragt, die Schritte der „zivilen Organisationen“.

Eine davon ist die „Deutsche Welthungerhilfe“  aus Bonn und eines ihrer Projekte im Land soll hier vorgestellt werden.

Strasse nach Samatee

Foto: Luke Powell

Um aber die Lage im Lande besser zu verstehen, ist es nötig, Informationen zu lesen, die abseits der offiziellen Quellen neutral erstellt und veröffentlicht werden. Dazu gehört unter anderem, dass die Regierung unter ihrem Ministerpräsidenten Karzai, der machtpolitisch höchstens der Bürgermeister von Kabul ist und am Tropf der Staaten hängt, bisher nicht viel erreicht hat.

Hamid Karzai

Foto: Luke Powell

Unter dem Titel Hilfsprojekt in Afghanistan: Produktion von Rosenöl als legale Alternative zum illegalen Mohnanbau schreibt die Welthungerhilfe:

“ ... Die Folgen der jahrelangen Kriege lasten schwer auf Afghanistan. Wirtschaft, Gesundheits- und Bildungssystem sowie ein Großteil der Infrastruktur sind weitgehend zerstört. Schwere wirtschaftliche Konsequenzen hat vor allem der Niedergang der landwirtschaftlichen Produktion. Von ihr leben circa 90 Prozent der afghanischen Bevölkerung. Doch nutzbarer Boden ist  begrenzt, denn das Land besteht zu mehr als 80 Prozent aus Steinen und Felsen und es mangelt an Wasser...

Der Krieg trieb viele Millionen Afghanen zur Flucht nach Pakistan oder in den Iran. Erst in den letzten Jahren kehrte ein großer Teil von ihnen zurück. In einigen Gegenden sind Landmangel und ungeklärte Landrechte zu drückenden Problemen geworden. So auch in der Provinz Nangarhar, in der die Welthungerhilfe seit 1996 tätig ist: Hier müssen sich die sechs- bis achtköpfigen Familien durchschnittlich von einem Viertel Hektar Land ernähren...

Flüchtlingscamp

Foto: Luke Powell

Nangarhar liegt im Osten Afghanistans, an der Grenze zu Pakistan. Die meisten Bewohner der Provinz sind zurückgekehrte Flüchtlinge. Um das Überleben ihrer Familien zu sichern, bauen viele Bauern Schlafmohn an, der zur Produktion von Opium und Heroin benötigt wird. Mohn erwirtschaftet einen zwanzigfach höheren Ertrag als dies beispielsweise der Anbau von Weizen bietet...

In Nangarhar hat die Welthungerhilfe ein landwirtschaftliches Pilotprojekt ins Leben gerufen, das Bauern beim Anbau von Rosen unterstützt, um Rosenöl herzustellen. Ziel dieses Projekts ist es, den Familien eine legale Alternative zum illegalen Mohnanbau zu bieten, die ihnen ein stabiles Einkommen garantiert...

In den Distrikten Dare-Noor, Achin und Nazian konnten bisher 266 Bauern dafür gewonnen werden, auf einem Teil ihrer Landfläche Ölrosen anzubauen. Zur Weiterverarbeitung der Rosenblüten wurden in Dare-Noor und Achin zwei Destillen gebaut.

Viele Bauern sind wegen niedriger Marktpreise für landwirtschaftliche Produkte nicht in der Lage, sich und ihre Familien zu ernähern. Sehr oft müssen sie hohe Kredite aufnehmen. Dies ist einer der Hauptgründe für die Ausweitung des Opium-Anbaus in Afghanistan (im Jahr 2004 wuchs die Schlafmohnanbaufläche um 64 %). Mit Mohnfeldern können Bauern zwanzigmal höhere Erträge erwirtschaften als mit dem Anbau von Weizen. Die Arbeit in den Mohnfeldern ermöglicht inzwischen 2,3 Millionen Afghanen zu überleben, das sind 10 Prozent der Bevölkerung.“

Als eines der Hauptproblem wird die Armut gesehen. Um aus dieser Falle zu entkommen, wäre Bildung  und Infrastruktur nötig, also Schulen und Transportwege, um eine einheimische Industrie aufzubauen.

Insgesamt mehr als 60 Prozent der Bevölkerung aber können weder lesen noch schreiben, das Bildungssystem ist als Folge der Kriege fast völlig zerstört. Nicht viel besser sieht es mit dem Gesundheitssystem aus, lediglich ein Viertel der Stadtbevölkerung hat eine medizinische Versorgung, in ländlichen Gebieten liegt die Quote bei unter 20 Prozent. Daher nicht verwunderlich die hohe Kindersterblichkeit. Aber übersehen darf man dabei nicht, auch die Lebenserwartung ist niedrig, sie liegt bei ca. 45 Jahren und ist damit nicht vergleichbar mit z. B. europäischen Ländern.

Merlin - Clinic

Foto: Luke Powell

Seit dem Sturz der Taliban hat sich geringfügig etwas verändert, die Welthungerhilfe schreibt dazu:

„ ... Seit dem Sturz der Taliban im Jahre 2001 hat sich die Getreideproduktion in Afghanistan verdoppelt. Bildungs- und Gesundheitswesen stehen mehr Menschen offen, als jemals zuvor. Asphaltierte Straßen, stabile Brücken und zuverlässige Einrichtungen zur Kommunikation verbinden die Angehörigen der verschiedenen Landesteile. Die internationale Gemeinschaft unterstützt den afghanischen Wiederaufbau mit mehreren Milliarden Euro. Dennoch kommt das Land am Hindukusch nicht zur Ruhe. Geiselnahmen und Attentate sind an der Tagesordnung.“

Aber zurück zu den Rosen, denn auch hier geht die Welthungerhilfe eigene Wege, nämlich die der Selbstvermarktung. Die Rosen werden nicht gepflückt und von „fremden Firmen“ weiter verarbeitet, man macht das selbst, vor Ort. Das liest sich dann so und man scheint zu erahnen, welche Düfte und was für ein Produkt dabei entstehen:

„ ... Nach traditioneller Methode erfolgt die Herstellung von Rosenöl und Rosenwasser in Kupfertöpfen. Die Rosenblätter müssen gekocht werden um Rosenöl zu gewinnen. Danach wird die Flüssigkeit zur Trennung von Öl und Wasser in eine Florentinerflasche geleitet. In einem zweiten Destillationsverfahren wird aus dem Wasser weiteres Öl gewonnen. Das verbleibende Wasser hat nur wenig Ölgehalt und wird als Rosenwasser abgefüllt und verkauft. Da diese Methode der Rosenölherstellung einen hohen Energieaufwand erfordert, soll langfristig eine kostengünstigere moderne Destille in Jalalabad gebaut werden...

Foto: Meissner/Welthungerhilfe

http://www.welthungerhilfe.de

Die Nachfrage nach dem kostbaren Öl, das in den letzten beiden Jahren als Bioprodukt zertifiziert wurde, ist groß: Zurzeit übersteigt sie die Mengen, die produziert werden. Und das Projekt hat Vorbildcharakter für Afghanistan. Die Rohstoffe werden nicht nur im Land produziert, sondern auch direkt weiterverarbeitet. So werden viel höhere Preise beim Verkauf erzielt, als dies eine Weiterverarbeitung im Ausland ermöglichen würde. Die Welthungerhilfe bereitet schon den nächsten Schritt vor: Die Destillen sollen an ein afghanisches Unternehmen übergeben werden, das die Verarbeitung der Rosen und den Verkauf des Rosenöls übernimmt.“

Dieses Projekt ist nicht von weltfremden „Entwicklungshelfern“ gestartet worden, sondern der Anbau von Rosen in dieser Region hat eine sehr alte Tradition.

Traditionelle Destille im Iran

Foto: Brigitte Buser www.gartenfreunde.ch

Den größten Teil unsere heutigen modernen Gartenrosen verdanken wir den alten Sorten und zu ihnen zählen auch Damaszener Rosen.

Zum Beispiel in der Ebene von Kasanlak in Bulgarien kann man die Schönheit der Rosa Damascena Trigintipetala bewundern, die dort ausschließlich zur Gewinnung von Rosenöl angebaut wird. Und in unserem Garten erfreut uns diese über 2 Meter hohe Rose jedes Jahr mit einer rosa Blütenfülle, die schon etwas besonderes ist.

Rosa Damascena Trigintipetala

Foto: Brigitte Buser www.gartenfreunde.ch

Eine der wenigen nachblühenden Damaszener Rosen ist Quatre Saisons. Sie ist sehr alt und stammt vermutlich aus dem nahen Osten. Rosenkenner vermuten, sie sei die Rose, von der Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. sagt, sie wachse in den Gärten des Midas und dufte süßer als alle anderen Rosen.  Und Vergil beschreibt sie um 30 n. Chr. als die Rose von Paestum. Seit diesen Zeiten wird auch Rosenöl gewonnen, eine wahrhaft alte Tradition.

Quatre Saisons

Foto: Brigitte Buser www.gartenfreunde.ch

Wie schon geschrieben, die Verarbeitung erfolgt vor Ort, das fertige Produkt, also destilliertes Rosenöl gelangt zur Weiterverarbeitung nach Deutschland und so ist in einer Presseerklärung der Firma Wala zu lesen:

„ ... WALA unterstützt Welthungerhilfe-Projekt in Afghanistan

Seit zwei Jahren gibt es im Osten Afghanistans in der Provinz Nangarhar ein von der Deutschen Welthungerhilfe ins Leben gerufenes landwirtschaftliches Projekt, das den Anbau von Duft­rosen fördert. Nun ist die erste Ernte einge­fahren, die Qualität überzeugend und in der WALA Heilmittel GmbH ein Ab­nehmer für den wertvollen Rohstoff gefunden...

Foto: Meissner/Welthungerhilfe

http://www.welthungerhilfe.de

Rund 80 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Ein Zubrot lässt sich mit dem Anbau von Mohn verdienen.

Um dem Opiumhandel langfristig entgegen zu wirken – immerhin 80 Prozent des Weltbedarfs an Heroin kommen aus Afghanistan - und den Menschen gleichzeitig eine Alternative zur Existenzsicherung zu bieten, bauen seit Oktober 2004 auf Initiative der Deutschen Welthungerhilfe 200 Bauern auf 32 Hektar Land die Öl-Rose Damascena an. Mit der Herstellung von Rosenöl ließ man eine alte afghanische Tradition wieder aufleben, und die ersten Ernten konnten sowohl in der Quantität als auch in der Qualität überzeugen.

Rosenfeld

Foto: Brigitte Buser www.gartenfreunde.ch

Bereits im Sommer 2006 signalisierte WALA Interesse am afghanischen Rosenöl und unterstützt seitdem das Projekt durch Expertise und Know how. Durch die Kooperation erschließt sich der Hersteller von Naturkosmetik eine zusätzliche Quelle des kostbaren Rohstoffs, denn der Bedarf an Ölen aus ökologisch angebauten Pflanzen wächst stetig. Die Bereitschaft der Bauern, sich den Anforderungen der Naturkosmetik entsprechend zu zertifizieren, machte die Zusammenarbeit zwischen WALA und der Deutschen Welthungerhilfe möglich.“

Quelle: WALA Presse-Information "Welthungerhilfe Projekt Afghanistan".

Foto: Meissner/Welthungerhilfe

http://www.welthungerhilfe.de

Wala garantiert übrigens die Abnahme und zahlt einen Preis von bis zu 6000 Euro pro Kilogramm Rosenöl.

Nach einer Reise nach Afghanistan schrieb eine Journalistin am 04. Mai 2008:

„ ...  Amir Mohammad ist, Dorfsprecher in Qa- lei Shei und einer von 300 Bauern, die mit Unterstützung der Welthungerhilfe (WHH) Rosen angebaut haben. Bei Tee und Keksen in seinem Haus ... erzählt er von seinen 300 Rosenstöcken. Davon, dass die Gulab, wie die Blumen auf Paschtu heißt, einfacher anzubauen sind als Weizen. Dass sie schön aussehen und duften. Dass er das Rosengeld, das er bekommt, wenn er die Blüten an der Sammelstelle abgibt, gut für seine 23-köpfige Familie gebrauchen kann ...,;Bei uns im Dorf wird kein Schlafmohn angebaut", sagt der Dorfsprecher.

Das Engagement der Welthungerhilfe in Afghanistan dauert weit über zwanzig Jahre an. In einer Broschüre las ich:

„ ... Die Deutsche Welthungerhilfe hat sich 1980, unmittelbar nach dem Einmarsch 'sowjetischer Truppen in Afghanistan, erstmalig mit einem Projekt zur Unterstützung afghanischer Flüchtlinge in Pakistan engagiert.

1993, während der Zeit der sich bekämpfenden Mudschaheddin-Gruppierungen, haben wir unser Engagement für die Not leidende Bevölkerung in Afghanistan wesentlich verstärkt. Afghanistan wurde zu einem der Schwerpunktländer unserer humanitären und entwicklungspolitischen Hilfe. Wir haben das Land und die Menschen auch während des gnadenlosen Taliban-Regimes nicht verlassen.“

Vielleicht hat dieser Artikel dazu angeregt, derartige Projekte zu unterstützen. Weitere Informationen hierzu:

www.welthungerhilfe.de

www.wala.de

Und wer sich für die herrlichen, alten Duftrosen interessiert, kann sich bei Brigitte Buser  von den Gartenfreunden aus der Schweiz informieren.

www.gartenfreunde.ch

Hartmut Deckert

 

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