![]() |
| Ausgabe 04/2009 |
August + September 2009 |
|
Ein Märchen aus dem Kosovo
Foto: Deltari Ilir
Wenn man das Dorf Zli – Potok in Richtung Restelica verlässt, steht am Ende der Dorfstrasse ein altes, zum Teil eingefallenes Haus. Darin wohnte einst eine alte Frau. Die Dorfbewohner sagen, das sei schon lange her. Wenn andere über die Bewohnerin reden, klingt das, als sei es erst wenige Jahre her. Aber sicher haben diejenigen recht, die meinen, die alte Dame lebe schon lange nicht mehr. Aber es gibt noch einige unter den Alten der beiden Dörfer, die sich sehr genau an sie erinnern können. Die letzten Jahre ihres Lebens war sie etwas gebrechlich und verließ das Haus sehr selten. Eine ganze Reihe der Dorfbewohner sorgten für sie und vieles, was sie zum täglichen Leben brauchte, wuchs in ihrem Garten.
Foto: Deltari Ilir
Die Böden der Gegend sind karg und die Winter lang und kalt, aber, so sagen wenigstens einige, in diesem Garten wuchs alles viel besser als im restlichen Dorf. Vielleicht habe sie ja besondere Gaben gehabt, meint man. Tagsüber trug sie immer einen schwarzen und langen Rock mit einer bestickten Bluse. Über die Stickereien wird heftig diskutiert, alle meinen, auf dem Rücken war ein Doppeladler zu erkennen. Sicher ist man sich allerdings nicht, denn einige erinnern sich, es sei eine Eule zu erkennen gewesen. In
der kleinen Scheune neben dem Haus lebten nämlich viele Jahr Eulen, immer ein
Pärchen. Oft saßen diese vor dem offenen Küchenfenster und ließen sich füttern.
Kein Fuchs wagte sich währen der Nacht an die Scheune und die Hühner der alten
Frau, denn die Eulen und ein großer Hund bewachten das Anwesen.
Quelle: Wikipedia Über diesen Hund wurde viel geredet, denn die alte Frau hatte gar keinen Hund. Aufklärung brachte schließlich die Erzählung eines Hirten, der auch im Dorf wohnte. Morgens, sobald es hell war, hörte man auf seinem Hof ein lautes Bellen und kurz darauf zog der Hirte mit seiner kleinen Herden von Schafen und Ziegen los auf die Weiden in der Umgebung. Dieser Hund sei eine finsterer Geselle gewesen, meinen die Dorfbewohner. Wer sich seinem Herrn oder den Tieren näherte, wurde bedroht , hielt man genügend Abstand, passierte allerdings gar nichts und Mensch und Tier zogen ihres Weges. Abends,
kurz bevor die Dämmerung einsetzte, kam der Hirten mitsamt seinen Tieren
zurück. Immer vorneweg der Hund. Er habe den Weg immer gefunden, auch wenn es
schon mal dunkler war, oder das Wetter für schlechte Sicht sorgte.
Foto: Deltari Ilir Wenn alle Tiere versorgt und in ihrem Stall waren, verschwand dieser Hund. Der Hirte fluchte und schimpfte, was für ein untreuer Hirtenhund er sei. Und er brauchte lange, um zu merken, wo sein Hund die Nacht verbrachte. Denn pünktlich jeden Morgen wartete der vor dem Stall, als sei nichts gewesen und wieder zogen die Tiere los. Einem Zufall sei es zu verdanken, sagte der Hirte, bis er merkte, dass sein Hund die Nacht bei der alten Frau verbrachte. Denn eines Nachts sei er noch unterwegs gewesen und spät sei es geworden nach einigen Gläschen, erzählt er. Kurz bevor er sein Haus ereichte, hörte er seinen Hund bellen. Wie ein großer Gong, klar und hell wäre er zu hören gewesen und er habe ihn sofort erkannt. Einige
Tage beobachtete er das Haus der alten Frau und dann wusste er Bescheid. Jede
Nacht bewachte also sein Hund deren Grundstück.
Noch etwas merkwürdiges beobachtete er. Immer wieder ging die alte Frau während der Nacht aus dem Haus. Er konnte versuchen, was er wollte, das Ziel dieser Wanderungen bekam er nie heraus. Spätestens einige Meter hinter dem Dorf verlor sich jede Spur. Und auch die anderen Dorfbewohner hatten keine Ahnung, wohin die Frau ging. An ihrer Seite immer der Hund und niemand hätte es je gewagt, den beiden zu nahe zu kommen. Eigenartig war, die Frau trug auf ihren nächtlichen Wanderungen immer ein weißes Kleid, während sie tagsüber immer schwarz gekleidet war. Warum das so war, auch das wusste niemand. Viele Jahre ging das so, aber eines Nachts passierte wieder einmal etwas merkwürdiges. Der Hund lag nämlich die ganze Nacht vor dem Stall des Hirten und die Dorfbewohner und der Hirte wussten, es musste etwas passiert sein. Am nächsten Morgen wussten sie Bescheid. Während der Nacht starb die alte Frau und der Hund ging nach Hause. Man hat sie begraben, es war ein kalter und regnerischer Tag. In der darauf folgenden Nacht hörte man den Hund im Nebel die ganze Nacht. Unruhig lief er durch das Dorf und die Umgebung und sein Gebell sei besonders laut gewesen, erzählt man. Aber nur noch einmal habe man ihn während der Nacht gehört, danach sei er immer zuhause geblieben und habe auf seine Tiere aufgepasst. Und noch etwas habe man beobachtet. Jedes Jahr, wenn der Hund sein Winterfell verlor, wurde seine Fellfarbe immer heller. Und irgendwann war er weiß. Wann das gewesen war, niemand erinnert sich. Viele Nachkommen habe diese Hund gezeugt, denn er war ein sehr guter Hirtenhund. Und alle diese Nachkommen seien weiß gewesen, egal welche Farbe die Mutter gehabt habe.
Foto: Deltari Ilir Überall in den Bergen des Sharr – Gebirges ist man sich sicher, alle weißen Hunde stammen nur von diesem einen Rüden ab. Warum das so ist und warum diese Nachkommen alle weiß waren? Auch dafür hat man eine Erklärung. Noch einmal habe die alte Frau ihre Finger im Spiel gehabt. Denn sie und das weiße Kleid, das sie während der Nacht trug, sollten für immer in der Erinnerung der Menschen in den Bergen bleiben. Und diesen allerletzten Gefallen habe ihr der Hund getan. Darum sind die weißen Hirtenhunde des Kosovo auch heute noch etwas besonderes und wenn wieder einmal in einem Wurf ein weißer Welpe gefunden wird, schmunzeln die alten Menschen, denn nur sie erinnern sich, was damals geschah und warum es immer weiße Deltari geben wird. Ein Maler aus der Umgebung hat für das Grab der alten Frau ein Bild gemalt, darauf zu sehen, eine Frau mit einem Hund. Und welche Farbe die beiden auf diesem Bild haben? Das sollte jeder für sich selbst entscheiden. Hartmut Deckert
[zurück) |
|