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| Ausgabe 02/2008 |
März + April 2008
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Den Wölfen auf der Spur
Quelle: Wikipedia Es ist ein schwüler Tag im August, an dem Ilka Reinhardt über den Truppenübungsplatz Oberlausitz im Nordosten Sachsens streift. Zwischen Kiefernforsten, Heidenflächen und Sanddünen ist die Wolfsforscherin unterwegs in der Muskauer Heide. 16 Wolfsfallen muss sie kontrollieren - alle drei Stunden, tags wie nachts, bei jedem Wetter.
Die 41-Jährige Biologin vom Wildbiologischen Büro Lupus beobachtet im Auftrag des Sächsischen Umweltministeriums Wölfe in der Lausitz. Drei Rudel des scheuen grauen Jägers gibt es in der entlegenen Region Ostdeutschlands mittlerweile. Ende der 90er Jahre hatte sich dort der hierzulande ausgestorbene Wolf wieder angesiedelt. Im Jahr 2000 brachte eine Wölfin Nachwuchs auf die Welt. Damals galt das in Deutschland als Sensation und auch in diesen Tagen gibt es wieder gute Nachrichten aus der Lausitz. 16 Welpen zählte Reinhardt im Frühsommer in der Wolfsregion. „So viel Nachwuchs wie noch nie“, freut sie sich.
Foto: Klemens Karkow Damit leben derzeit wieder rund 30 Wölfe in der Lausitz. Allerdings werden dort geeignete Reviere langsam rar. Das Problem regeln die Wölfe untereinander: Ein Jahr darf der Nachwuchs noch im Rudel mitjagen, dann muss er sich ein eigenes Territorium suchen.
Mehr als 20 sächsische Jungwölfe haben bislang ihre Heimat verlassen. Zurück bleiben Elterntiere, deren Welpen und rätselnde Wissenschaftler, bei denen Ungewissheit herrscht, was aus den vielen Abwanderern eigentlich geworden ist. Wann und in welche Richtung die Jährlinge die Lausitz verlassen, liege wissenschaftlich ebenso im Dunkeln wie die Art und Weise, wie die Wanderschaft der Wölfe durch die dicht besiedelte hiesige Kulturlandschaft konkret von statten gehe, sagt Reinhardt.
Foto: NABU Deutschland www.Willkommen-Wolf.de Der
Verdacht liegt nahe, dass in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Brandenburg
gesichtete Wölfe von Lausitzer Rudeln abstammen. Gesicherte Belege dafür hat
man jedoch bislang nicht.
Die
Fußfallen, die Reinhardt in dem für die Öffentlichkeit gesperrten
Militärübungsgelände aufgestellt hat, liegen an Wegen und Waldschneisen, die
von Wölfen gerne begangen werden. Tappt ein Wolf in die Falle, wird ein
Mechanismus ausgelöst, durch den dem Wolf eine Schlinge um den Lauf geworfen
wird und sich dann festzieht. Danach wird er mit einer Spritze betäubt,
untersucht und mit einem GPS-Halsband versehen. Per Satellitenortung werden die
Aufenthaltsdaten des Wolfes per SMS an Reinhardts Computer geschickt. So kann
sie bequem verfolgen, wo sich der Wolf aufhält. Soweit die Theorie.
Rotwolf
Quelle: Wikipedia
Noch
aber hat Ilka Reinhardt kein Fangglück. Die vom Bundesumweltministerium
finanzierten Fallen bleiben heute leer – wie auch schon in den vergangenen zwei
Monaten. Sie wird es weiter versuchen, auch mit anderen Methoden.
Für
den Winter ist unter anderem eine Lappjagd geplant, mit der die Wolfsforscher
schon einmal Erfolg hatten. Dank den GPS-Daten einer 2004 gefangenen Wölfin
weiß man nun, dass die Wölfe in Sachsen in einer Nacht bis zu 58 Kilometer
laufen können. Sie streifen dabei an Ortschaften vorbei, schwimmen über die
Spree oder queren Straße und Bahntrassen.
Während
sich die Wissenschaftler über den Expansionsdrang der Wölfe freuen, hält sich
die Begeisterung der Menschen in der Region in Grenzen. Vielen ist der Wolf
schlicht egal. Manchmal genügt dann nur ein kleiner Vorfall, um die alten
Klischees vom bösen Wolf wieder ans Tageslicht treten zu lassen.
Quelle: Wikipedia Wie
zum Beispiel in dem 145 Einwohner zählenden Ort Neusorge, das nahe der
polnischen Grenze unweit der Neiße liegt. Als in diesem Frühjahr auf einem
Acker unweit des Ortes Wölfe in einer Nacht eine Hirschkuh rissen, hatte das
Folgen: Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr alleine draußen spielen. Der
örtliche Jagdaufseher orakelte, „es werde kein Jahr mehr vergehen, dann werde
der erste Mensch angefallen“, und Zeitungen heizten die Stimmung mit
Schlagzeilen wie „Wölfe überfallen Lausitzer Dörfchen“ kräftig an.
Ein halbes Jahr später ist in Neusorge längst wieder Ruhe eingekehrt. „Alles nur Panikmache damals“, sagt Dorfbewohnerin Carola Schäfer heute. Angst habe sie keine, schließlich habe der Wolf in den Wäldern genug zu fressen und vor Menschen zu viel Scheu. Auch Frank Menzel macht sich keine Sorgen. Er lässt seine vier Schafe weiterhin rund um die Uhr in seinem Vorgarten an der Dorfstraße in Neurose grasen. „Wölfe habe ich bisher weder gesehen noch gehört“.
Gelegentlich
findet man die Spuren
Quelle: Wikipedia
Entspannt
ist die Lage derzeit auch unter den regionalen Jägern und Schafzüchtern, die
sonst gerne mal die Diskussion um die Wölfe entfachen. Für das Stillehalten
gibt es gute Gründe, meint Jana Schellenberg vom Kontaktbüro „Wolfsregion
Lausitz“. Die meisten der rund 30 gewerblichen Schafhalter in der Lausitz seien
mittlerweile mit Ställen, Herdenschutzhunden oder Zäunen gegen Wolfsangriffe
gut gerüstet.
Die Zahl der gerissenen Schafe ginge deshalb stetig zurück. Allerdings schlug der Wolf im vorigen Jahr vor allem in den Gebieten zu, die von ihm neu besetzt wurden. „Wenn Schafe in einem Wolfsrevier nicht geschützt werden, können sie leicht Opfer des Wolfs werden“, sagt Schellenberg. Skeptisch bleiben die Schafshalter dennoch. „Wenn sich die Wölfe weiter so vermehren, wird es auch wieder mehr Schäden für die Schäfer geben. Da nützen dann auch Zäune nicht viel“, sagt Manfred Loose vom Sächsischen Schafzuchtverband.
Foto: www.NABU.de Mit
dem Wolf arrangiert haben sich laut Schellenberg momentan die meisten Jäger.
„Nachdem das Oberverwaltungsgericht Bautzen im vorigen Jahr den Abschuss von
Wölfen in letzter Instanz untersagte, haben viele Jäger wohl erkannt, dass es
keinen Sinn macht, sich gegen die Anwesenheit des Wolfs zu wehren“, sagt
Schellenberg.
Meister Isegrim kann
das nur recht sein. Auf leisen Pfoten schleicht er sich weiter durch
Deutschland. Brandenburg, wo im Süden in diesem Frühjahr eine Wölfin gar
erstmals Junge gebar, und Mecklenburg-Vorpommern haben einer Studie zufolge die
besten Karten, bald auch Wolfsrudel zu beherbergen.
Allerdings, so warnt
Ilka Reinhardt, könnte es mit der Erfolgsstory auch schnell ein Ende haben.
Drei tote junge Wölfinnen seien dieses Jahr schon gefunden worden. „Wenn das
alles reproduzierende Wölfinnen gewesen wären, wäre der Wolfsbestand schnell
wieder nahe null gewesen“.
Polarwolf
Quelle: Wikipedia
Nichtsdestotrotz sei der Trend positiv. Reinhardt: „Es kann durchaus sein, dass wir in den nächsten zehn Jahren deutlich mehr Wölfe haben als derzeit“.
Benjamin Haerdle
Unser Dank für diesen
Artikel geht an den freien Journalisten Benjamin Haerdle aus Leipzig. Er
erschien bereits in der Stuttgarter Zeitung. Wer mehr über Benjamin Haerdle und
seine Arbeit erfahren möchte, dem sei die HP des Journalisten empfohlen:
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