Ausgabe 04/2008
Juli + August 2008

 

Mit freundlicher Genehmigung des Zeitlos-Verlages Elchingen:

"zeitlos Das Generationen Magazin", Ausgabe 01/2008.

Der Wolf – das Lamm – HURZ!

Foto: R. Kaminski

Einleitung

Lange bevor hierzulande „Problembären“ und andere Beutereißer aus zivilisatorischer Vorzeit wieder ins öffentliche Bewusstsein katapultiert wurden (meist, indem man sie ihrerseits gewaltsam aus dem Leben herauskatapultierte), hatte Possenreißer Hape Kerkeling das Thema schon satirisch aufs Korn genommen: Das archaische Spannungsverhältnis zwischen der „wilden“ Kreatur und dem von ihr  bedrohten, schützenswert unschuldigen Lamm wird längst auch wieder auf heimischem Grund und Boden ausgetragen. Hurz !

Isegrim, der jahrhundertelang unbarmherziger Verfolgung ausgesetzte Heimatvertriebene, ist zurückgekehrt, und geistert seither ruhelos durch den Blätterwald der Medien.

Am ehesten Berechtigung zur Unruhe haben zweifellos die Schafzüchter in jenen Regionen, wo der „große böse Wolf“ sich mittlerweile wieder in Rudelstärke tummelt. Denn wenn von Natur aus eher Wild und Niederwild ins Jagdschema des scheuen Räubers passen, sind in Notzeiten Schafe doch eine wohlfeile, weil leichte Beute für den Wolf. Ihre Größe und geringe Wehrhaftigkeit machen sie besonders angreifbar, übrigens auch für andere Jäger wie beispielsweise große Raubvögel, die sich durchaus auch einmal ein lockiges Lämmchen krallen.

Wenn jedoch der Wolf zuschlägt, fließt meistens mehr Blut: das typische Herdenverhalten angegriffener Schafe, zumindest der bei uns vorherrschenden Rassen, ist angezüchtet, und kann beim Wolfsangriff zu einer unschönen Eskalation führen – mit fatalen Konsequenzen.

Statt in alle Richtungen zu fliehen, wie Wildschafe dies reflexartig tun, drängen sich Zuchtschafe bei äußeren Aufregungen und Gefahren eher zusammen. Die dabei entstehende panische Aufruhr stachelt den Jagdreflex der Wölfe immer neu an, zumal die angegriffenen Tiere sich nicht zerstreuen.

Wenn kein Mensch oder Hirtenhund den Angriff verhindert, kann es also in dieser Situation geschehen, dass weit mehr Schafe gerissen werden, als die Räuber fressen können. Solche „Jagdunfälle“ sind natürlich dazu angetan, ein gedeihliches Miteinander von Mensch, Zuchtschaf und wilder Kreatur nachhaltig zu belasten – nachhaltig genug, um den Wolf nahezu komplett auszurotten. Und so steht er, obwohl er seit 1989 durch die Berner Konvention ganzjährig und europaweit unter Schutz gestellt ist, nach wie vor auf der Abschussliste von übereifrigen Jägern und selbsternannten „Naturschützern“ der wehrhaften Art.

Lausitz-Wölfe

Foto: S. Koerner

Solange Schäfer und Hirtenhunde zugegen sind, hält sich Isegrim jedoch der Schafherde fern –  zu bedrohlich ist für ihn der Mensch und dessen treuester Gefährte, der Hund. Anderslautende Legenden von blutgierig und mordlüstern marodierenden Wolfsrudeln gehören ins Reich jener nicht totzukriegenden Schauergeschichten, die dem Urvater aller Hunde seit je das Leben schwer machen. Umso faszinierender ist die Tatsache, dass ausgerechnet die direkten, wenn auch höchst domestizierten Nachfahren des Wolfs seine wirksamsten Widersacher in Sachen Schafschutz geworden sind. Wirksamer Schutz für das Schaf vor Wolfsangriffen bedeutet letztlich auch Schutz für den Wolf vor Übergriffen durch den Menschen. Mittlerweile gibt es verschiedene Initiativen, die sich auf diesem Gebiet engagieren, und um kooperative Lösungen zwischen Schafzüchtern, Naturschützern und auch der Waidmannschaft bemüht sind. In Deutschland widmen sich die „Deutsche Wolfsgemeinschaft“ und die „Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V.“ dem Ziel, dieser eindeutig mehr bedrohten als bedrohlichen Tierart das Überleben zu sichern.


Quelle: Alice Brock
www.pyrenaeen-hunde.de

Der Hund heißt nicht „Hurz“, sondern hört auf den Namen „Dux“
Und er benimmt sich ein wenig merkwürdig, jedenfalls wenn man nicht weiß, was seine einzige Lebensbestimmung ist. So kann es vorkommen, dass er sich gelegentlich einen herzhaften Schluck Schafsmilch aus einem der prall gefüllten Euter eines der Muttertiere gönnt, was diese ohne erkennbare Irritation geschehen lassen. Von der Farbe und aus der Entfernung sieht das helle Fell des schönen Pyrenäen-Berghundes einem Schaffell durchaus  ein wenig ähnlich. Das gilt auch für seinen Arbeitskollegen „Falco“. Die beiden Tiere kommen aus der Schweiz, und wurden speziell als Hirtenhunde sozialisiert und ausgebildet. Seine Ursprungsbezeichnung trägt der Pyrenäen-Berghund in seinem Namen – von der Abstammung her ist er also Franzose.

Dass „Dux“ und „Falco“ heute in der sächsischen Lausitz ihren Arbeits - und Lebensmittelpunkt haben, hat seine eigene Bewandtnis und Vorgeschichte:

In den Schweizer Bergen hatten die Schäfer schon ab 1995 mit aus Italien eingewanderten Wölfen zu tun. Um das von Schweizer Regierungsseite gewünschte und auch geförderte Miteinander von Wolf, Mensch und Schaf zu gewährleisten, besann man sich u.a. auf die althergebrachte und bewährte Methode, Hirtenhunde einzusetzen. Weltweit gibt es verschiedene Rassen, die sich für  diese spezielle Aufgabe eignen; im Rahmen eines groß angelegten Schweizer Wolfsprojektes fiel die Wahl auf  den Patou oder Mastin des Pyrenées, zu deutsch, den Pyrenäen - Berghund. Auch wenn die großen und wehrhaften Hunde sicher in der Lage sind, die Herde aktiv zu verteidigen, ist ihr Einsatz primär präventiver Natur.

Allein ihre Anwesenheit, die sich den Wölfen über die Witterung sowie Kot- und Urinmarkierungen der Hunde mitteilt, verhindert in den meisten Fällen eine aggressive Annäherung an die Schafherde.

 

 Foto: R. Kaminski

Anders als die wiederum speziell ausgebildeten Hütehunde leben die Hirtenhunde sozusagen unter Ihresgleichen – sie werden schon als Welpen an die Schafe gewöhnt und verstehen sich als Teil eines Hunderudels im Schafspelz. Wird die Herde bedroht oder angegriffen, verteidigen die Hirtenhunde also ihr Rudel. Auf diese intelligente Art werden die höchst sozialen Eigenschaften und Mechanismen, die ursprünglich auch das Leben im Wolfsrudel kennzeichnen, zur Wolfsabwehr eingesetzt. Isegrim wird so mit seinen eigenen Waffen geschlagen, und zwar (meist) ohne dass es zum Äußersten kommen muss.

Was führt nun also die Schweizer Hunde französischer Abstammung in die sächsischen Marken?

Es sind zum Einen die großen Schafherden, die hier seit der Wende weiden, und deren Gesamtzahl an Tieren in die Zehntausende geht. Und es ist Gevatter Wolf, der sich in den Weiten der Mark Brandenburg und  Sachsen wieder heimisch zu fühlen beginnt. Noch zu Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ hatten nur gelegentlich einzelne Wölfe aus dem Böhmerwald oder aus Polen sich über die Grenze verirrt. Eine Rudelbildung und damit eine weitere Ausbreitung fand damals jedoch nicht statt.

Mit dem Mauerfall fiel auch diese unnatürliche Wolfsbarriere: Mitte der neunziger Jahre wurde in der Lausitzer Region erstmals wieder ein Wolf gesichtet. Heute sind im Osten Deutschlands wieder frei lebende Wolfsrudel unterwegs - mit der Folge, dass der graue Räuber dort wieder Spuren hinterlässt – bisweilen auch blutige. Wie stets, wenn wirtschaftliche Interessen und der Schutz der ungezähmten Natur sich ins Gehege kommen, steht der Wolf damit schon wieder auf der Abschussliste. Aber es gibt zum Glück auch andere Wege, mit dem räuberischen Naturell eines unserer faszinierendsten Wildtiere umzugehen. Nachdem u.a. in der Schweiz die Strategie der Deeskalation durch den Einsatz der Hirtenhunde im Projekt erfolgreich praktiziert wurde, besinnen sich nun auch deutsche Schafzüchter wieder auf diese Methode.


 4 44 Monate alter Wolfwelpe aus der Muskauerheide
Foto: S. Koerner

Einer von ihnen ist der Schäfer Andreas Hauswald aus dem brandenburgischen Mühlberg. Er war einer der ersten Schafzüchter in dieser Region, der sich zwei dieser besonderen Hunde, nämlich „Dux“ und „Falco“ angeschafft hat. Im Hinblick auf die zu erwartende und durchaus wünschenswerte weitere Wiederansiedelung und Ausbreitung von Canis Lupus eine Entscheidung mit Weitblick: Die wilde Kreatur und das wehrlose und wertvolle Zuchttier kriegen sich so hoffentlich seltener in die Wolle.

Auf diese Art hat der Wolf zumindest die Chance, dass es ihm, kaum zurück auf heimischem Boden, nicht gleich wieder an den Kragen geht – der stoibär’sche „Schadbär“ Bruno lässt aus dem Jenseits grüßen. Der Wolf, das Schaf, der Hund – Dux!

Sigfried Galter

www.zeitlos-magazin.de

Wer sich weiter über die Wölfe in Deutschland informieren will, dem sei die Seite

www.wolfsregion-lausitz.de

empfohlen.

www.zeitlos-magazin.de, Autor: (c)Siegfried Galter.

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