Ausgabe 02/2009
März + April 2009

  Special: "Hirtenhunde"

 

 

Worum geht es ?

 

in unserem FORUM ALTDEUTSCHE HÜTEHUNDE (FAH) wurde angesichts des tragischen Abschusses von Bruno, dem Bären in Bayern unter anderem die Frage nach Bedeutung, Sinn und Zweck, sowie Arbeitsweise von Hirtenhunden angesprochen.

Sicher, man kann sich die Thematik heutzutage in Zeiten des Internet und der Suchmaschinen auch theoretisch einigermaßen erschließen, viele Fragen werden aber offen bleiben, da den meisten von uns eben das Hintergrundwissen und ganz einfach die Praxis total fehlt

 

Ich bin deshalb sehr froh und dankbar, daß Helmut Lenz, ein ausgewiesener Kenner der Materie, sich wieder einmal bereit erklärt hat, uns in Form eines Artikels zum Thema, diese imposanten Hunde und ihr ganz spezielles Leben an und in der Herde ein wenig näher zu bringen. - Vielen Dank, Helmut, auch für die eindrucksvollen Bilder von Deinen Hunden !

 

Dietmar Metz

 

 

 

 

 

 

Was sind Hirtenhunde? 

 

1998 habe ich in der DEUTSCHEN SCHAFZUCHTZEITUNG (Heft 6) mich aus meiner damaligen Sicht über die zunehmende Aktualität des Einsatzes von Hirtenhunden geäußert. In den nachfolgenden Ausgaben dieser Zeitschrift haben einige Kollegen zu dieser Thematik in Form von Leserbriefen Stellung bezogen.

 

Sie waren der Meinung, dass ihre Hunde, mit denen sie ihre Schafe hüten, genauso zur Bewachung ihrer Herde geeignet sind. Dass ich diesen Tatbestand sehr bezweifle, möchte ich aus der unterschiedlichen Funktionsweise von Herdengebrauchshunden (HGH) und Hirtenhunden (HH) erklären.

 

Wahrscheinlich ist für den Laien unverständlich, dass es „da zwei Rassen also HGH und HH innerhalb der selben Art (Canis familiaris) gibt, die für die selbe Arbeit im selben Umfeld (Weideland) eingesetzt werden, beide auf den selben Stimulus (Schaf) reagieren, aber ihre genetische Ausstattung dazu führt, dass sie auf Schafe auf zwei unterschiedliche Arten reagieren. Man könnte meinen, sie wären völlig unterschiedlich programmiert.“ (R. Coppinger)

 

 

HGH an der Herde

 

 

HH bei der Herde

 

Wie kommt bzw. kam es zu dieser Differenzierung?

 

Maßgebend dazu war die Wechselbeziehung von Umwelt und Entwicklung.
Das Phänomen der Transhumanz war ausschlaggebend für das Aussehen und Wesen der HH. Die Wanderungen der Schafe bilden ein System von Ereignissen, die sich ausdrücken in der Länge der Viehtriebe und den klimatischen zum Teil extremen Bedingungen.

 

So kurz ist es aber nun doch nicht zu erklären.

 

Warum sind zum Beispiel die HH dieser Welt alle so relativ groß ? Ein Fakt ist die Länge und das Ziel der Viehtriebe. Die Größe eines Hundes und die Schrittfrequenz bedingen einander. Ein kleiner Hund mit seinen Trippelschrittchen könnte die täglichen –zig Kilometer nicht auf Dauer durchhalten. Große Hunde kommen auch besser mit Futtermangel zurecht. Sie leiden auch weniger unter Hungerperioden.
Niedrige Temperaturen werden besser kompensiert. Das Verhältnis von Volumen und Oberfläche ist geringer. So wird die Körperwärme besser gespeichert. Das ist ein wichtiger biologischer Faktor. Denn im Sommer ziehen die Schafherden in alpine Regionen, wo es selbst in dieser Jahreszeit lausig kalt werden kann. Im Winter geht es dann wieder in die Ebene. So dass die großen Hunde das ganze Jahr sich eigentlich im niedrigen Temperaturbereich aufhalten.

Große Hunde können auch besser Hindernisse überwinden. Auch brechen ihre Knochen aus Grund ihrer Dichte so schnell nicht.

 

Nicht zu unterschätzen ist das optische Signal der Körpergröße auf potentielle Beutegreifer. Kleinere Hunde gehören nämlich auch zum Beutespektrum des Wolfes. Nicht wenige Jäger, zum Beispiel in Schweden, beklagen den alljährlichen Verlust ihrer Hunde bei der Elchjagd durch den Wolf. Ebenso überlebt in Rumänien nach Aussagen von Christoph Promberger ein Wolfsrudel den Winter durch den Verzehr von kleineren Straßenhunden.

 

Die wichtigste Aufgabe eines HH ist es, Herde und Hirte zu warnen und somit die Anwesenheit eines Raubtieres zu melden. Ein wichtiger Effekt ist aber auch, dass gleichzeitig der Angreifer gewarnt wird. Ein Raubtier geht selten einen Kampf wegen noch nicht gefangener Beute ein. Eine bereits geschlagene wird eher verteidigt.
Das allein reicht oft aus, das Jagdverhalten der Beutegreifer zu unterbrechen.
Das bisher Beschriebene ist grob umrissen die eine Seite des HH.

 

Ebenso wichtig ist das Wesen dieser Hunde.

 

Die Jahrtausende währende Nutzung dieser imposanten Hunde im Herdenschutz führte über die Auslese der Gebrauchsfähigkeit natürlich auch zu einer Verhaltensbildung, die eine gewisse genetische Fixierung innehat

 

Diese genetische Einschränkung ist ausschlaggebend dafür, wie der Hund auf Umweltreize reagiert. An dieser Stelle muss ich ausholen. – Es geht um die Erklärung von Verhaltenssequenzen bei Wildcaniden.

 

Bewegungsmuster treten üblicherweise als funktionelle Sequenzen auf, mit dem Ziel der Befriedigung von biologischen Bedürfnissen. Ein Beispiel ist die Sequenz der Jagd. Nach R. Coppinger wird sie wie folgt dargestellt:

 

Orten – Fixieren – Anpirschen – Hetzen – Packen – Töten – Zerreißen – Fressen.

 

Seine (Anm.: Coppinger’s) Annahme hierbei ist, dass es sich hierbei um eine genetische Anpassung handelt, die, wenn sie zum Erfolg führen soll, sich in ihren Einzelelementen bedingt.

 

Nun ist es aber bei unseren HH folgendermaßen: Durch die jahrtausend Jahre währende Selektion auf ihre Gebrauchsfähigkeit als Herdenbeschützer wurden einige dieser Sequenzen genetisch eliminiert.

 

Bei unseren hütenden Hunden zum Beispiel fehlen aus offensichtlichen Gründen die Sequenzen „Töten – Zerreißen – Fressen“. Alle vorherigen müssen für diesen Gebrauchszweck jedoch vorhanden sein. Das Extrem hierbei ist das Fixieren, das mit den Augen die Schafe Zwingen beim Bordercollie

 

Das Ideal beim HH wäre NUR das - Fressen; und das auch nur aus der Futterschüssel.

 

In der Regel sind aber die vorgelagerten Sequenzen wie – Jagen – und - Packen – in unterschiedlicher Intensität vorhanden. Daher ist eine wichtige Voraussetzung, um ein für den späteren Einsatz als HH optimales Verhalten zu erlangen, die Sozialisierung des Welpen auf seine späteren Schutzbefohlenen, um dieses unerwünschte Verhalten unterdrücken zu können.

 

Die kritische Phase der Sozialentwicklung fällt mit der Phase der raschesten Gehirnentwicklung zusammen.

 

Ähnlich wie andere Körperteile entwickelt sich das Gehirn erst nach der Geburt vollends. Die Zahl der Gehirnzellen ist vorhanden. Die Verknüpfung untereinander geschieht aber erst durch die vorhandenen Umwelteinflüsse. Ein Welpe eines HH hat bei der Geburt ein Gehirnvolumen von ca. 8 ccm. Mit 16 Wochen ist es auf das Zehnfache angewachsen. Das endgültige Volumen liegt dann bei 110 ccm. Das heißt, dass der soziale Kontakt bis zur 16. Woche stattgefunden haben muss. Die Welpen sollten nach dieser Prägungsphase Verhaltensweisen, die sie normalerweise gegenüber anderen Hunden zeigen, nun gegenüber Schafen zeigen.


Hier zum besseren Verständnis einmal der Unterschied zwischen Prägung und Sozialisierung: Prägung nennt man in der Verhaltensbiologie eine irreversible Form des Lernens. Die während eines meist kurzen, genetisch festgelegten Zeitabschnitts (sensible Phase) empfangenen Reize der Umwelt werden derart dauerhaft ins Verhaltensrepertoire aufgenommen, dass sie später wie angeboren erscheinen. Die Sozialisierung ist die Entwicklung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen materiellen und sozialen Umwelt.

 

 

 

Bei der Sozialisierung von HH ist jeglicher spielerischer Ansatz von Jagen und Packen beim Welpen zu unterdrücken, um die Erfahrung zu verhindern, dass man Einzeltiere oder die ganze Herde treiben kann. Denn im Spiel werden Verhaltenskomponenten trainiert, wie - Fixieren, - Jagen, - Beißen, die letztendlich den HH im späteren Einsatz untauglich machen.

 

Das bedeutet, dass der Hund bei verstärkten Spielphasen, wenn keine ständige Beeinflussung möglich ist, aus der Herde zu nehmen ist.

 

Jagdverhalten zeigen HH in der Regel erst ab einem Alter von 5 bis 6 Monaten. Die Entwicklung des Sozialverhaltens ist bis dahin abgeschlossen und nicht umkehrbar. Eine Wiedereingliederung bei seinen Schutzbefohlenen ist dann auch nach längerer Abwesenheit möglich.

 

HH die bis zur 16. Lebenswoche mit Schafen aufgewachsen sind, zeigen ein Leben lang Begrüßungsverhalten und reagieren auf zwischenartliche Dominanz mit Unterwerfungsgesten. Nur ältere, schon länger im Herdenschutz tätige Hunde dürfen auch schon mal Dominanzverhalten gegenüber ihren Schafen zeigen. In der Regel ist es Futterdominanz oder die Beanspruchung bestimmter Komfortplätze.

 

Aber es geht auch anders!

 

Einige Autoren gehen davon aus, dass keine Arbeitsleistung als HH erbracht werden kann, wenn in der Sozialisierungsphase kein Kontakt zu den späteren Schutzbefohlenen erfolgt war. Nun ist aber die Frage, was man unter der zu erwartenden Arbeitsleistung versteht:

 

Die traditionellen Einsatzgebiete, in der Regel Gebirgs- und Hochgebirgslandschaften setzen eine Arbeitsweise voraus, bei der der HH sich selbständig bei der Herde bewegt und seine Schutzfunktion ausübt.

 

Die Arbeitsweise unserer heutigen Schäfer in Deutschland weicht erheblich vom althergebrachten ab. Dieses „frei mit der Herde laufen“ ist unter unseren Verhältnissen nicht unbedingt die Voraussetzung einer erfolgreichen Schutzfunktion. In der Regel sind bei der Voll-, wie bei der Nebenerwerbsschäferei Weidezaunnetze im Einsatz. Sollte eine Hüteschafhaltung unumgänglich sein, sind die Schafe und Ziegen zumindest des Nachts in diesen Weidezaunnetzen gekoppelt.

 

Das bedeutet, dass die Schafe auf eine Fläche von 1 bis maximal 2 ha versammelt sind und diese Einkoppelung für unsere HH ein wanderndes Territorium darstellt. Eine größere Einpferchung ist aus Gründen der Weidesicherheit nicht ratsam.
Da wir in Deutschland keine Tradition in der Aufzucht und Haltung von HH haben, ist bei dieser Arbeitsweise der Einsatz von Hunden, die dem Welpenalter entwachsen sind möglich. Ebenfalls sollten sie für den Einsatz an der Herde nicht zu stark menschenbezogen sein.

 

Ich kenne aus eigenem Erleben und auch von Erzählungen anderer Kollegen, dass diese Zusammenführung in der Regel vom Hund her problemlos geschah.
Das eingangs erwähnte genetische Verhaltensmuster macht es möglich.

 

Die Schafe bedurften in der Regel eine längere Gewöhnungszeit gegenüber dem Hund. Da dieser bedingt durch seine Körpergröße und –gewicht sich eher behäbig und bedächtig zwischen seinen Schafen bewegt, geht die Gewöhnung relativ rasch vonstatten. Allerdings sollte diese Zusammenführung nicht ohne ständige Aufsicht geschehen.

 

Auch müssen wir davon ausgehen, dass bei uns in Deutschland Landschaftspflegeverträge in Gegenden vergeben werden, wo sie auch über den Fremdenverkehr ökonomisch Sinn machen. Das setzt voraus, dass in der Sozialisierungsphase auch ausreichend menschlicher Kontakt vorhanden war. Ein Fehlverhalten der großen Hunde gegenüber Menschen wäre gerade in diesen Gegenden fatal.

 

Wichtig ist bei uns daher gerade bei freier Hütehaltung, das ständige Kontakthalten des Hundes mit dem Schäfer im Gegensatz zu den Ursprungsländern des HH, wo die Begegnung mit Menschen durch die räumliche Weite eher selten ist.

 

In Deutschlands bisher einzigem stabilen Wolfsgebiet in der Oberlausitz, in dem sich zur Zeit zwei Rudel etabliert haben, arbeiten seit einiger Zeit HH in drei Schäfereien mit bisher gutem Ergebnis. Es sind Pyrenäenberghunde, die aus Schweizer Arbeitslinien stammen, sowie ein Tornjak, ein HH aus Bosnien – Herzegowina. Die im Ostharz befindlichen Kaukasen stammen in der Regel von meiner Hündin ab. Wenn man so will, der Anfang einer Arbeitslinie. Aktiv weiter betrieben wird diese Zucht in der Schäferei Kleeman.

 

Hier spielt neben zweibeinigen Strolchen auch in zunehmendem Maße der Luchs eine Rolle, vor denen die Schafe geschützt werden müssen.

 

Die Problematik „Hirtenhund“ ist sehr vielgestaltig und kann in diesem Artikel auch nur angerissen werden. Daher möchte ich mit einigen Grund- und Denkansätzen helfen, das Verständnis zu diesen imposanten Hunden zu erwecken.
Als Wolfsfreund, Mitglied der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe und nicht zuletzt als Schäfer oder gerade deshalb würde ich es mir wünschen!

Helmut Lenz

 

....aber dies ist ihre und seine wahre "Berufung" (im Bild ein kaukasischer Owtscharka)

Und hier noch ein paar Bilder...

 

...vom HH als "Knuddelbären" :

 

 

 

 

 

mit einer starken Schulter ..... zum Anlehnen !

 

 

...und immer fotogen ...

Text und Bilder von H. Lenz

 

Weitere Informationen zum Thema Hirten – und Hütehunde:

 

http://www.huetefuchs.de/

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